Suizid Karibik

Lasst mich sterben – ich will in den Himmel - das waren die erste Worte die sein Landsmann zu hören bekam, als er den Mann am Boden verkrampft liegen sah.

Das Bild das sich ihm präsentierte könnte man mit „Endstation Dominikanische Republik“ betiteln.

Man musste kein Arzt sein, um festzustellen das seine körperliche Verfassung lebensgefährlich war und Soforthilfe dringend angesagt war. Der Notdienst 911 wurde angerufen, Ambulanz bestellt, welche in wenigen Minuten auch wirklich vor Ort war. Gleich mit Ihnen traf auch die Polizei ein, da diese gehört haben das da ein Ausländer liege.

Blitzartig waren da viele Personen, auch Nachbarn und Hausbesitzer in der Wohnung, welche voller Unrat und Gestank nicht gerade das erwartete Ambiente wiedergab, das man beim Betreten einer Wohnung eigentlich erwartet. So staunte man nicht schlecht ab dem Abfall und dem gelinde ausgedrückt, dem Saustall den man schon bestialisch riechend antraf.

Ambiente Dominikanische RepublikDer am Boden liegende Mann begann zu realisieren, dass offenbar einiges um ihn abging und wollte sich weg winden, robben oder wie man diese grotesken Bewegungen auch immer beschreiben möchte. Die Notärztin beschloss den Patienten sofort in die Klinik zu bringen. Beinahe vollständig betäubt von den Medikamenten und dem Rum, sah der Europäer aber seinen Wunsch in den Himmel zu kommen nun offenbar ernsthaft gefährdet. No – nein – schrie er nur – no clinica – no.... keine Klinik.

Als wäre dies eine Erlösung für die Ambulanz auf welche man nur gewartet hatte, brach man die Rettungsaktion sofort ab. Aha – er will nicht – tut uns leid, dann können wir ihn nicht mitnehmen, geht nicht!

Ein Mann der ganz offensichtlich verletzt war, zudem mehr als ersichtlich, nicht wirklich bei Sinnen und Suizid gefährdet, sagte no – nein. Das reichte. Tut uns leid gegen seinen Willen können wir Ihn nicht mitnehmen. So schnell wie die Ambulanz da war, so schnell war diese wieder verschwunden. Da kam man kaum noch hinterher mit Staunen ab dieser völligen Fehleinschätzung der Situation. Jeder im Raum wusste ja sehr genau, das dies ganz simpel ausgedrückt den Tod dieses Mannes bedeutete und seit wann ist ein mit Tabletten und Alkohol voll gepumpter Mensch mit der Absicht sich umzubringen bei klarer Besinnung ? Nun – es war für die Ambulanz so und die fuhren ab.

Die Hausbesitzerin, seit vielen Jahren von Beruf Krankenschwester in einem nahe gelegenen Spital, vermittelte Ihrerseits auch schnell ihre Version von Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft. Sie fragte die Polizei an, ob man denn den Mann nicht auf die Strasse werfen könne, so etwas wolle sie nicht in ihrem Haus.......

WohnungWas wäre wohl wirklich geschehen, wäre nicht da der Landsmann noch im Raum gewesen, dem ab dieser Dreistigkeit der Kragen platzte. Voller Abscheu ab einem solchen Verhalten wies er die Personen an, die Wohnung sofort zu verlassen. Nur wie nun weiter? Der Mann brauchte sofort ärztliche Hilfe und die Ambulanz kam mit Sicherheit nicht mehr. Er rief einen einheimischen Bekannten an und bat diesen um sofortige Hilfe, er solle mit einem Arzt kommen und den Mann mindestens mal direkt vor Ort versorgen und schauen was man tun könne. Mit Erfolg, der Arzt kam wirklich schnell, nach dem er erklärt bekam das sein Einsatz auch bezahlt wird, wurde er aktiv und er kontrollierte den immer noch am Boden liegenden Mann.

Infusionen wurden gelegt. In der Zeit holte man aus der Nachbarwohnung eine Matratze um den Mann wenigstens nicht auf dem harten Boden liegen lassen zu müssen. Noch während der Arzt den Mann erstmals versorgte und säuberte, räumte man das Gröbste mal weg. Man merkte, da hat nun jemand das Kommando übernommen und wenn man es auch nicht aus Nächstenliebe tat, so zumindest war man nun bereit zu helfen, man wusste man wurde entschädigt.

Das erste war getan, zumindest schien es so. Nur sollte man gar keine Zeit haben den nächsten Schritt wirklich einleiten zu können. Noch immer unter dem Einfluss des giftigen Cocktails, nutzte der Patient die erste Gelegenheit um doch noch das zu Ende zu bringen, was er eigentlich sich vorgenommen hatte – Selbstmord.

Wie programmiert und völlig unmenschlich robbte dieser wieder von der Matratze runter, durchsuchte Abfallbeutel, zog Schubladen raus und alles was nach Pulver aussah wurde eingenommen. Allerdings war die Ausbeute dieser Aktion so gering, dass er nun gar versuchte aus der Wohnung zu gelangen. Doch die Gittertür war verschlossen. Völlig unsinnig versuchte man mit einem Stück von einem Kleiderbügel die Eisengitter zu öffnen. Natürlich verursachte dies Lärm und rief einen Nachbarn auf den Plan der wiederum dem anderen Europäer Bescheid gab. Das Nachtprogramm war geboren.....

Nochmal alles durchsuchen, alles raus aus der Wohnung, wirklich alles und wenn es nur weisser Staub war. Nicht gerade sanft wurde der Patient wieder auf die Matratze gehievt und die Infusionen wurden neu angeschlossen. Der Landsmann und seine Frau lösten sich nun ab um den Mann möglichst rund um die Uhr zu überwachen, der alles versuchte, von jammern über drohen und betteln um irgendwie an doch nur eine einzige Pille zu kommen. Er schien wie besessen und entsprechend führte er sich auf.

Schnell musste er allerdings einsehen, dass er da kein grosses Mitgefühl zu erwarten hat von seinem Landsmann, welcher ihm deutlich machte, wenn Du wirklich krepieren willst, kannst Du das tun, aber weder hier noch Heute. Und vorher soll Deine Tochter noch sehen, was für einen Vater sie hat – wie sehr er sie doch liebe und ihr beistehe.....

Da prallten offenbar zwei Welten aufeinander. Am nächsten Tag wurde das Konsulat angefragt, ob man helfen könne. Ja hiess es dort sofort. Nur der Mann müsse selbst um Hilfe bitten. Oh, wie soll ein Mann der a) schwer verletzt war, das Bein mit der Oberschenkelfraktur verfärbte sich langsam ins schwarze, nebst voller Ladung an Valium und Alkohol, nicht mehr klar bei Sinnen, selbst anrufen ?? Nur das sei leider so, wenn er nicht selber um Hilfe bitte, könne man nicht aktiv werden.

Erste HilfeDie Hoffnung platzte da schnell das man von dieser Stelle Hilfe zu erwarten hatte. Sterbende müssen erst telefonieren oder noch besser vor Ort vorsprechen damit Hilfe aktiv werden kann – ähnlich wie bei der Ambulanz. Natürlich auf einer Seite auch zu verstehen, Hilfe gegen den Willen des Betroffenen ist selbst in diesem Land nicht möglich und rechtlich nicht statthaft.

Das zeigte auch der nächste Gang zur Nationalen Polizei wo man vorbei ging um anzufragen, wie man den Mann den endlich in die Klinik bekommen könne. Diese meinte da seien sie nicht zuständig. Die Tourimuspolizei Cestur zeigte sich da bedeutend hilfreicher. Nach dem man Ihnen den Sachverhalt erklärte, das dieser Mann ohne ärztliche Versorgung sterben werde, bot man an, ihn aus dem Haus zu holen und in die Ambulanz zu laden. Um das Betreten der Wohnung aber rechtlich abzusichern wolle man kurz eine Verfügung vom Staatsanwalt holen. Dort war dann aber fertig. Auch er erklärte, tut uns leid, aber wir können hier nicht aktiv werden.

Stunden vergingen. Ganz allmählich riss dem Landsmann, den wir hier nachfolgend einfachheitshalber mal Henri nennen wollen, der Geduldsfaden. Natürlich verstehe man, dass man gegen seinen Willen nicht aktiv werden könne. Nur was man hier tue sei doch unterlassene Hilfeleistung. Nein, das sei dies nicht, meinte der Staatsanwalt in aller Ruhe. Eine Erklärung das der Mann nicht zurechnungsfähig sei zur Zeit könne nur ein Psychiater ausstellen, sie seien jedoch Vertreter vom Gesetz und keine Mediziner. Widerwillig musste man die Rechtslage akzeptieren, es schien auch keinen Sinn zu machen hier etwas anderes erreichen zu wollen.

Trocken und nicht gerade erbaut ab diesem Verhalten von Ambulanz, Hausbesitzer, Polizei und Staatsanwalt , verlangte Henri vom Fiscal, dem Staatsanwalt, ein Papier, dass er alles getan hat was möglich sei um zu helfen und ihn in keiner Weise eine Schuld treffe wenn dieser Mann elendiglich verrecke. Schliesslich wusste er ja, das er nicht der erste wäre, der erst mal in Untersuchungshaft landete, wenn man einen Toten fand wo die Umstände nicht klar sind. Das danach meistens noch die Wohnung leer geräumt war kam hinzu. Natürlich, meinte der Staatsanwalt, kein Problem und stellte eine Bescheinigung aus, das man den Fall gemeldet habe und keine Hilfe möglich sei. Es liege kein Verschulden vor sollte der Mann sterben, was ja nur eine Frage der Zeit sei. Er habe die Ambulanz ja verweigert und das sei sein Fehler. Wenn er sterben wolle könne man da nichts tun...... Das Papier wurde ausgestellt und vom Büro des Staatsanwalts unterzeichnet und abgestempelt. .....

Dies dauerte natürlich seine Zeit, doch dafür nahm man sich nun die Zeit...... Man konnte ihn nun also in aller Ruhe, von Gesetzes wegen abgesegnet krepieren lassen – keiner hat daran schuld, so sei alles in Ordnung. Damit sei der Fall für Sie abgeschlossen.....

Der gewünschte Selbstmord sollte also in Erfüllung gehen, vom Fiscal und den Behörden abgesegnet – Ruhe in Frieden.

Es muss kaum erwähnt werden, dass nun all seine sogenannten Freunde nicht mehr da waren, sich niemand mehr wirklich kümmern wollte, schliesslich ging man das Risiko ein, dass dies mit hohen Kosten verbunden war, die man nie mehr rückerstattet bekommt .... Und wenn schon das Konsulat und alle anderen Instanzen nicht helfen konnte, wieso sollte man sich das den auch aufhalsen ? Man hatte ja das amtliche Papier das einen dies alles nichts mehr angeht – fein draussen – sein Tod war vereinfacht ausgedrückt beschlossene Sache.

Doch dieser blöde Aufzug nach oben schien immer noch besetzt. Denn gerade dieser Henri, von dem man doch behauptete er sei alles andere als menschenfreundlich und gesellig, hatte da eine ganz andere Vorstellung was menschliche Pflichten anbelangt. Und für Ihn war diese Ignoranz und Auslegung der Institutionen und Ämter ein Frevel und zeigte ihm nur zu deutlich was es heisst, wenn man einmal so weit unten angekommen ist.... „Nicht einmal Hunde lässt man so verrecken, verhungern, verdursten an den Schmerzen eingehen – für ihn ist das, egal welches verdammte schön gestrickte Mäntelchen man sich da umhängt, unterlassene Hilfeleistung und verabscheuungswürdig, widerlich und eines Menschen nicht würdig.“

Nur wie soll es nun weiter gehen ? Lesen Sie Teil III – „Das bittere Ende“.

Lesen Sie auch hier Teil 1

Teil 3 finden Sie hier

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