Suizid Karibik

Endstation Dominikanische Republik – Teil III
Wo ein Wille ist, ist ein Weg. Dieses Zitat kennt wohl jeder. Nur ist dies leichter gesagt als in die Realität umgesetzt.

Suizidgefährdet, heisst sehr depressiv und dazu noch schwer verletzt und unter Einwirkung von vielen Tabletten und Alkohol, eine solche Person noch als zurechnungsfähig zu erklären, das käme keinem normalen Bürger in den Sinn. Nicht so in der Dominikanischen Republik. Da die amtliche Anweisung und Regel auf gesetzlichen Grundlagen basierend, es so festlegt, muss eine hilfebedürftige Person selbst um Hilfe bitten, damit das zuständige Konsulat aktiv werden kann.

Nur welche Person die sich selbst lebensgefährlich mit Tabletten voll gestopft hat, zudem noch mit undefinierbarer Menge Rum vermischt, wird dies tun ? Wenn Schmerzen körperlicher oder seelischer Art Dich bald in den Wahnsinn treiben, dann will man meist nur noch eines – diese Schmerzen beenden, und wenn notwendig mit Suizid. Klar denken ist in solchen Fällen kaum noch gegeben. Das müssten in solchen Situationen eigentlich andere übernehmen, dazu hat man doch den normalen Menschenverstand, sollte man meinen. Doch Regeln und Gesetze, Normen und vieles mehr sind ja auch noch da – und die haben auf den ersten Blick oft sehr wenig mit normalem Menschenverstand zu tun. Ich will raus

Doch darüber zu diskutieren macht hier keinen Sinn. Es ist nicht nur eine simple Ansichtssache, ob solche Regeln Sinn machen, sondern schon komplexer als es auf den ersten Blick erscheint. In diesem Fall, hatte man schon viel Zeit verloren, auch wenn ein Arzt erst einmal Infusionen gelegt hatte und sich ein wenig um die Erstversorgung kümmerte, war damit noch nichts bewirkt.

Die Oberschenkelfraktur hatte längst Wundwasser verursacht und der Oberschenkel verfärbte sich von blau zu dunkelviolett und die Tendenz lag offensichtlich bei schwarz. Den Mann, den wir von nun an Robert nennen wollen, sich seinem Schicksal zu überlassen wäre gleichbedeutend wie elendiglich sterben zu lassen.

Was jedem normalen Menschen sofort einleuchtete, das wurde eben durch solche Regeln und Anweisungen, ja auch durch Gesetze den Institutionen vorgeschrieben und entsprechend war zu handeln. Aus dem Umfeld half eh niemand, damit wollte man, wie so oft auch in vielen anderen Ländern dieser Erde, niemand etwas zu tun haben – niemand fühlte sich zuständig und Robert war ja selber schuld das es so gekommen war. Man schlich sich so oder so immer aus der Verantwortung und Zuständigkeit.

Nur mit diesem Umstand und vielen offenen Fragen zu hadern war nicht die Art von Henri. Es musste eine Lösung her. Telefone wurden gestartet, dann Netzwerke wie Facebook und Co genutzt, nebst einigen Mails die geschrieben wurden. Es sollte doch Verwandte geben, welche da vielleicht helfen konnten und auch wollten. Den es war auch mit nicht geringen Kosten zu rechnen, wollte man hier wirklich helfen. Die Fraktur musste geröntgt und operiert werden. Danach war Robert sicher lange Zeit auf Hilfe angewiesen, man musste ihn versorgen und pflegen. Und die Unterbringung war ja auch noch so ein Thema.....

Roberts Unterlagen wurden gesichtet, was man so alles in der Wohnung gefunden hatte. Dort fand man auch Ausweise für Krankenversicherung im Land und auch eine in der Schweiz. Doch was deckten diese ab ? Waren die noch gültig ? Die Versicherung in der Dominikanischen Republik war noch aktiv und so fuhr man in das Büro in der Hauptstadt um abzuklären was diese denn übernehmen wird. Die Liste die man nun ausdruckte was Sie nicht übernehmen war unendlich – eigentlich nicht viel mehr als Medikamente und Untersuche. Operationen etc. Werden nicht autorisiert – das wäre aber notwendig gewesen, um endlich in einer Klinik aktiv werden zu können.

Schon wieder ein Fehlschlag. Nur Henri machte seinem Namen ein sturer Typ zu sein wieder mal alle Ehre, aufgeben schien für Ihn nicht im Wörterbuch zu stehen. Glücklicherweise fruchteten all seine Mails und Telefonate und ein Bruder, danach gar der Vater von Robert meldeten sich umgehend, als Sie erfuhren das dieser in Not sei. Doch konnten Sie weiterhelfen ? Vor Ort sicher nicht – aber konnten Sie, ja wollten Sie überhaupt die Kosten übernehmen die nun anstanden ?

Henri informierte ausführlich und schickte auch Bilder, schilderte die Lage und dieser Schock musste erst mal verdaut werden. Denn man hatte immerhin einige Jahre nichts von dem Sohn, Bruder gehört. Die Fotos sprachen schon für sich und noch wollte Robert ja gar nicht wieder leben. Er jammerte weiter und bat doch sterben zu dürfen..... Der Entzug von Alkohol und den Tabletten tat zudem seine Wirkung – wie sollte man also auf tausende Kilometer Distanz da wirklich wissen was man davon halten, denken und gar fühlen sollte.

Es musste auch erst mal verdaut werden. Sollte man helfen ? Wenn Robert sterben wollte und dies sein Wunsch ist, ist dieser nicht doch zu akzeptieren ? Hinzu kam das man viele Jahre nichts mehr von ihm gehört hatte. Alles etwas viel auf einmal. Nur Henri lies sich einfach nicht beirren – er blieb auf Kurs – einfach krepieren lassen das war bei Ihm nicht drin. vor Operation

Er versuchte seinerseits sein möglichstes, sendete die Daten der Schweizer Krankenversicherung etc. um eine allfällige Deckung der Kosten abzuklären und recht schnell wurden Vater und Bruder aktiv. Noch am gleichen Tag wurde recherchiert, das Konsulat von Ihrer Seite her kontaktiert, mit demselben Ergebnis allerdings wie bereits erwähnt, doch es kam endlich Bewegung in die „Rettungsaktion“ und Henri fühlte sich das erste mal seit langer Zeit nicht mit Robert allein gelassen.

Die Versicherung in der Schweiz war noch aktiv – das heisst die Kosten könnten eventuell zurückerstattet werden, ob die Prämien bezahlt waren musste man erst abklären. Nun hiess es aber sowieso die Kosten vorzuschiessen und das schnell, denn es musste operiert werden. Auch das kam sehr schnell zu Gange und Henri sorgte dafür das nun Schlag auf Schlag folgte. Robert wurde operiert, der Oberschenkel war gesplittert und alles entzündet. Mit dem Chirurgen wurde der Fall eingehend besprochen und er konnte in die Klinik welche gleich am Tag darauf operierte.

Gerührt ab dieser Unterstützung seitens der Familie kullerte manche Träne über Roberts Wange und er, der doch noch vor kurzem in den Himmel wollte, hatte Mühe seine Gefühle in Zaun zu halten. Das hatte er sich nicht mehr zu träumen gewagt, das nun eine solche Hilfe anrollte und diese höllischen Schmerzen in den Hüften ein Ende hatten. Er befolgte jede Anweisung und versuchte nun, wie ausgewechselt, alles um nicht mehr zur Last zu fallen, nicht Umtriebe zu verursachen und vor allem Henri nicht mehr zu nerven, der mit dieser Zusatzbelastung ganz schön an seine Limit gekommen war. Seit Tagen rannte er umher und hatte kaum noch eine ruhige Minute und das hinterliess auch bei ihm langsam seine Spuren.

Doch jedes noch so kleine positive Zeichen schien ihm neue Energie zu verleihen und wie nicht anders zu erwarten, lies er nicht mehr locker. Da es ersichtlich war das Robert einige Zeit auf Hilfe angewiesen sein wird, begann er nebst Klinik und dem ganzen Programm, die Wohnung aufzuräumen, zu säubern und sackweise Unrat zu entsorgen. Ziel war es die Wohnung abzugeben, den Strom und Internet abstellen zu lassen und so die Mietkosten und Nebenkosten für die nächste Zeit zu vermeiden. Und entsprechend wurde es ausgeführt.

Zum Glück hatte man noch ein Zimmer – zwar sollte dies vermietet werden für den anstehenden Besuch – aber das wollte man später schauen. Ein Bett mit Matratze musste her, dann Geschirr wie Nachttopf, Reinigungsutensilien und eine Hilfskraft die das Waschen und die Verpflegung des Patienten übernahm. Kurzum es musste die Versorgung zu Hause organisiert werden, denn das konnte Henri nun nicht auch noch auf sich nehmen. Denn er hatte nebst Frau und Kind noch einiges zu tun. Sein Programm war ja ansonsten schon recht ausgefüllt.

Die paar Tage die er nun gebraucht hatte um das alles auf die Reihe zu kriegen, was nur Dank dem Verständnis und der Mithilfe seiner Frau möglich war, blieb viel liegen. Wenig Schlaf und das herumrennen, Organisation und Umorganisation hatten aber mehr Energie gebraucht als sich Henri eingestehen wollte. Jeden Tag beinahe 17 Stunden auf den Beinen hatten viel Energie gekostet. So war er nicht unglücklich als endlich mal alles ein wenig geordneter ablief und selbst mit dem Patienten im Hause wieder mehr Ruhe einkehrte. Operation geschafft

So war es auch wenig verwunderlich das er ziemlich ausgepowert war und nach dem man auch noch den geplanten Umzug realisiert hatte, sein Akku schon fast auf Minus stand. Fast drei Tage benötigte er, bis er sich wieder etwa erholt hatte, der Körper verlangte seinen Tribut. Und doch sah man ihn abends auf seinem Sitzplatz lächelnd dasitzen, in seiner neuen Behausung auf die er schon lange gewartet hatte. Er war zufrieden.

Robert erholte sich körperlich sichtlich gut, die Operation hatte man sehr gut gemacht und die Genesung schritt gut voran. Auch begann er wieder am Leben teil zu haben und es entstanden wieder vernünftige Gespräche wo auch langsam das danach angesprochen werden sollte. Denn eines war Henri mehr klar als alles andere, auf die Beine kommen ist eine Sache, auf den Beinen bleiben etwas anderes.

Er hatte das in seinem Leben nur zu oft selbst gesehen. Aber Henri gönnte sich erst mal ein wenig Auszeit und genoss es mit seinem 8 Monate alten Sohn, der in diesen Tagen viel zu kurz gekommen war, dem jungen Hund der durch den Garten tobte und offenbar die Garage als seine Toilette betrachtete, etwas zu spielen und wieder Zeit zu verbringen. Denn es würde noch Wochen dauern, bis Robert wieder ganz hergestellt war und arbeiten konnte. Wie dies aussehen soll, das allerdings verlangte er bereits jetzt Überlegungen anzustellen.

Robert wurde gerettet, dank einem mehr als sturen Zeitgenossen, der trotz allen Widrigkeiten nie aufgab und überzeugt war, einen Mitmenschen lässt man nicht einfach krepieren. Jeden kann es einmal treffen, jeden und wenn er selbst von sich glaubt dagegen gefeit zu sein. Und das Strahlen im Gesicht von Robert gab Henri recht.

Fragte man ihn, was ihn an dieser ganzen Geschichte bewegt hatte, meinte er ohne lange nachzudenken – der Vater und der Bruder. Diese zwei haben mir gezeigt was es heisst ein Vater und ein Bruder zu sein – es tut gut das es solche Menschen gibt, das gibt Hoffnung. Die wissen noch was Familie und Zusammenstehen heisst, auch wenn es mal hart kommt – meinen Respekt.

Das er, ohne überhaupt zur Familie zu gehören, nicht einmal wirklich befreundet mit Robert, ihm aber in Wirklichkeit das Leben gerettet hat und die wahre Leistung vollbrachte, das überging er mit einem Lächeln. Wie sehen sie den Ihre Leistung an, wollten wir von Henri wissen. Trocken meinte er nur, es war anstrengend, aber ich habe das getan das jeder Mensch normal tun müsste – so sehe ich das.

Lobesworte wollte er nicht hören und er schloss mit etwas bitterem Unterton das Kapitel ab, als er meinte, sehen Sie darüber wird Morgen niemand mehr reden – man wird weiter machen sich gegenseitig in den Dreck zu ziehen, sich gegenseitig anzufeinden und das unmenschliche im Mensch als normal zu betrachten. Die Menschen können einem nur leid tun. Ausser viel dummem Gerede hat man da nicht viel zu erwarten.

Zum Glück gehörte Henri zu den Ausnahmen...... Ob Robert auf den Beinen bleiben wird und wie er sein Leben neu aufbaut, das werden wir zu einem späteren Zeitpunkt vielleicht erfahren. Denn eines Morgens verlies er das Haus von Henri, gegen alle Abmachungen und ohne zu kommunizieren. Selbst bei seinem Vater und seinem Bruder meldete er sich nicht. Offenbar hatte er aus all dem nichts gelernt.....

Und so verlassen auch wir das Haus von Henri der einfach froh ist das der Trubel wieder etwas vorbei ist und er seine Ruhe hat – schliesslich habe er noch anderes zu tun........

Teil 1 dieser "Geschichte" finden Sie hier: Endstation Dominikanische Republik

Teil 2 dieser "Geschichte" finden Sie hier: Und plötzlich war alles Niemandsland...... Teil II

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