Viviane Gauthier

"Beim Tanz, vergißt man alles was schlecht ist ", erklärt 97-jährige Viviane Gauthier, die Frau der viele zuschreiben, dass sie den haitianischen Folklore-Tanz am Leben erhält.

Sie kamen zu ihrer schattigen Veranda, nicht um Pliés oder Pirouetten zu lernen, sondern um zu stampfen und sich im Rhythmus der Loa Geister zu wiegen. Die Knie tief, die Arme weit ausgebreitet, springen sie und ihre schwenken ihre Arme, in ihren Schritten hallen Jahrhunderte der haitianischen Vorfahren wider.

Viviane Gauthier - Die Grande Dame des haitianischen TanzesViviane Gauthier lehrte ihre Schüler die Schritte zu einigen der berühmtesten Folkloretänze in Haiti: den Yanvalou, den Nago, den Rada. Sie wurden unterrichtet sich mit den Bewegungen des Schlangenkönigs Damballa zu wiegen und ihren Rücken mit Agoué, dem Geist des Meeres zu beugen.

Jetzt aber ist die Stange unberührt, die lange Spiegel leer. Gauthier's Haus ist ein Bild des Friedens. Die Mauern ihres Gartens halten den kreischenden Verkehr und die geschäftigen Fußgänger der haitianischen Hauptstadt Port-au-Prince fern. Im März feierte Gauthier ihren 98. Geburtstag, ein weiteres Jahr vorbei im Leben einer karibischen Ikone. Mehr als 70 dieser Jahre hat sie damit verbracht zu tanzen und Tanz zu lehren.

Und ohne ihr Engagement, so glauben einige ihrer Studenten, würde der haitianische Folklore-Tanz tatsächlich tot sein.

Das ist auch der Grund, warum sie sie die "Göttin des haitianischen Tanzes" genannt haben. Man darf sie sich aber nicht wie einige himmlische, jenseitige Wesen vorstellen, die Frau hinter diesem hochtrabenden Titel ist nichts anderes als eine außergewöhnliche, sehr intensive und lebhafte Person.

"Es gibt Menschen, die sitzen nicht auf ihren Arschbacken. "Sie sitzen so",sagt Gauthier und krümmt sich. Die erfahrene Tänzerin nimmt schnell wieder ihre kerzengerade Haltung ein. Krumm lümmelnde Menschen sind offenbar ein Hauptärgernis für die alte Dame und ein Auslöser für spontanes Geschimpfe.

Madame Gauthier erzählt aus ihrem Leben

 

"Ich bin sehr streng", ergänzt sie ganz pragmatisch. "In allem, muss Disziplin sein." Schlank und klein - sie scheint kaum ein Meter fünfzig an Größe zu erreichen - ist Gauthier eine herausragende Figur in der haitianischen Tanz Community. Aus der ganzen Welt kommen Darsteller um mit ihr zu arbeiten und sie machen ihren Abschluss ihres Studiums mit beneidenswerten Aussichten.

Ein ehemaliger Student hat jetzt seine eigene Tanzkompanie in Paris. Ein anderer wurde der einzige Haitianer, der jemals die Heritage Fellowship (eine Auszeichnung von der National Endowment for the Arts in den USA für Personen, die sich in besonderer Weise um die traditionellen Künste verdient gemacht haben) für sein Lebenswerk erhalten hat.

Viviane Gauthier - Grande Dame des haitianischen TanzesFür Vivivane Gauthier aber ist es an der Zeit, sich auszuruhen. Das Unterrichten ist selten geworden in diesen Tagen. Das Tanzen noch seltener. Die Jahre haben ihre Glieder verkalkt. Nachdem sie die Treppen in den zweiten Stock gestiegen ist, lehnt sich Gauthier gegen ein Fenstersims in dem Haus, das zugleich auch ihr Tanzstudio ist. Ein Kolibri schwebt vorbei. Bettwäsche flattert auf Wäscheleinen unten. Und Mangos, noch grün, reifen auf den Zweigen darüber.

Gauthier's Atelier-Haus ist fast so legendär wie seine Besitzerin. In einer Stadt, die größtenteils aus Betonblöcken erbaut, ist ihres ein elegantes Lebkuchenhaus, das zur Wende des 20. Jahrhunderts errichtet wurde. Nur wenige sind erhalten geblieben. Ihre komplizierten, Holzschnitzereien und Vodou-Muster erinnern an eine Zeit des Wohlstands. Aber das Haus und seine Besitzerin stehen zunehmend vor den Gefahren des Alters. Eine Patina hat den Stuck getrübt, so wie der graue Star die Augen von Gauthier. Sonnenlicht scheint durch einige der Holzbretter. Alzheimer hat damit begonnen, Gauthier's Erinnerungen auszulöschen.

"Ich war 19 Jahre alt, als ich anfing", erzählt sie mit einem Flackern der Rebellion in ihren Augen. "Ich liebte es zu tanzen, aber meine Eltern mochten es nicht so sehr."

Ihre Eltern warnten sie, dass Tanzen kein richtiger Job wäre und dass sie damit nicht in der Lage sein würde, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, denn Gauthier war Tanzstudentin zu einer Zeit, als das Interesse an nicht-westlicher Kunst ihren Höhepunkt erreichte.

Der Anfang des 20. Jahrhunderts war ein Zeitalter der Exotik. Künstler wie Picasso und Matisse wurden für ihre Verwendung von afrikanischen Stilen umjubelt. Ein Mädchen aus Missouri verwandelte sich in die "Creolische Göttin" Josephine Baker, einen internationalen Superstar. Und eine neue Generation von Gelehrten und Künstlern lenkten ihre Aufmerksamkeit auf Haiti, die "Perle der Antillen".

Marquees in New York zeigte Tanzaufführungen wie "The Haitian Suite" und "Tropics" und "Le Jazz Hot: Von Haiti nach Harlem". Es waren die Kreationen einer amerikanischen Tänzerin namens Katherine Dunham. Einer ihre Studentinnen sollte Gauthier's Leben verändern. Die in Philadelphia geborene Lavinia Williams wollte in die Fußstapfen ihrer Mentorin treten. Von der Schönheit des haitianischen Tanzes begeistert, reiste Williams nach Port-au-Prince, um Haitis Traditionen aus erster Hand zu studieren. Sie gründete eine Schule während sie dort war und unter ihren Schülern war die junge Viviane Gauthier.

"Ich liebte es zu tanzen, deshalb ging ich zu ihr in die Tanzschule", erklärt Gauthier mit einem leichten Lachen, als wäre es die selbstverständliche Sache der Welt. "Dort sah sie mich und sagte mir, ich wäre eine großartige Schülerin." Aber die Professorin wurde selbst oft zur Schülerin. "Als Haitianer gaben wir Lavinia viele Lektionen", sagt Gauthier. "Wir mussten ihr unsere Schritte zeigen."

Viviane Gauthier - Die Grande Dame des haitianischen TanzesGauthier's Augen leuchten, als sie sich an die Lektionen erinnert, die sie mit Lavinia geteilt hat. "Sie dachte, "La danse sous la tonnelle" kommt wie von selbst. Nein. Es erforderte auch Disziplin. Nichts desto Trotz haben wir oft zusammen gelacht."

Eine von Gauthier's ehemaligen Studentinnen, Cherline Edouard aber glaubt, dass Gauthier immer tiefgreifende Vorteile gegenüber Williams hatte. "Lavinia tanzte Folkloretänze in Haiti. Aber Viviane, sie hat es in ihren Adern. Sie wurde mit Folklore geboren ", erklärt Edouard.

Haitianischer Folklore-Tanz ist nicht etwas, das einfach gelehrt werden kann, erklärt Edouard weiter mit Leidenschaft in ihrer Stimme. Der Tanz ist eine lebendige Verbindung zur haitianischen Geschichte, einer blutigen Geschichte mit der Sklaverei und der Revolution.

Haiti hat das besondere Merkmal, das einzige Land zu sein, dass seine Unabhängigkeit durch einen erfolgreichen Sklavenaufstand gewonnen hat. Es wurde im Jahr 1804 die erste unabhängige Nation in Lateinamerika. Und diese Geschichte ist in den Rhythmen seiner Folklore-Tänze zu spüren ist, betont Edouard. "Es bringt uns dazu, an unsere alten Zeiten, an unserer Krieger zu denken. Als sie für unsere Freiheit gekämpft haben, waren es die selben Trommeln die sie gehört haben.

Sie nennt einige ihrer Namen: Dutty Boukman der gebildete Sklave, der den ersten entscheidenden Sklavenaufstand anführte; François Mackandal der Vodou Houngan, bekannt dafür dass er Sklavenhalter vergiftet hat; und Nég Marron, den sagenumwobenen schwarzen Sklaven, dessen Muschelhorn, die Massen zum Aufstand rief.

Folklore-Tanz ist eine spirituelle Erfahrung, in die Gauthier als Haitianerin hineingeboren wurde. Sie war ganz einfach ein Naturtalent und ihr Talent blieb von Williams, ihrer Lehrerin nicht unbemerkt.

Gauthier erinnert sich, wie Williams bevor sie in die USA zurückkehrte ihr erzählte, dass sie ihr die Leitung der Tanzschule überlassen würde. "Was soll ich sagen? Mir gefiel der Gedanke sehr", sagt Gauthier.

Aber erst einige Zeit später war Gauthier endlich in der Lage, ihre eigene Tanzkompanie zu gründen. Die Viviane Gauthier School of Dance wurde ihr Leben. Weder Ehemann noch Kinder sollten ihrer Leidenschaft für haitianischen Volkstanz in die Quere kommen. Ich sagte mir:" Wenn heirate, müsste ich zu Hause zu bleiben und ich müsste mich um alles, kümmern was geschieht." "Das interessierte mich nicht überhaupt ", erklärt sie. "Das ist einer der Gründe, warum ich Single blieb. Ich mag es Leuten Anweisungen zu geben. Ich mag es zu befehlen."

Sie empfand Kinder immer als den härtesten Teil ihrer Aufgabe. "Zu viel Lärm", sagt sie mit ihrer gewohnten Offenheit. Aber im Laufe der Jahre nahm sie mehrere Studenten auf, die sie als so lieb wie einen Elternteil betrachteten.

Haitianischer Folkloretanz

 

"Sie ist wie eine Mutter zu mir", erklärt Frantz Métayer. Er kennt Gauthier seit 37 Jahren. Aber ihre Beziehung begann nicht so rosig.

Als junger Tänzer, dachte Métayer er würde ihre Schule spielend und ohne ein Problem schaffen. Stattdessen erntete er am Ende immer Gauthier's heftige Kritik: "Das ist nicht gut, Métayer. Du bist unmöglich. Senken Sie Ihren Rücken." Er hätte die Schule beinahe verlassen.

"Ich sagte mir selbst, "Oh Mann, ich habe ein Problem damit. Ich werde nicht weitermachen. "Aber jetzt sehe ich, dass es gut war für mich. Sie liebte mich", reflektiert er. Er brauchte drei Monate harter Arbeit, aber schließlich wurde er zu einem von Gauthier's Professoren und Choreographen.

Métayer leitet heute seine eigene Tanzkompanie und verließ vor kurzem seine Rolle als Betreuer von Gauthier's Schule. An einem Samstag Morgen, sitzt er an der Seite als zwei Reihen von Tänzern, die neue Moves üben, an ihm vorbeiziehen. Viele seiner Schüler sind neu, eine Tatsache, die durch das leichte Zögern in ihren Schritten verraten wird. Aber die Trommeln spielen weiter und sie bleiben in Bewegung. Métayer sieht zu. Sie müssen leistungsbereit sein.

Ihr Programm besteht ausschließlich aus haitianischem Folklore-Tanz, keine dieser modernen Sachen aus dem Ausland. Métayer ist ein Purist. Er und andere Experten befürchten, dass Modern Dance und Hip-Hop die traditionellen Tänze verdrängen oder sich diese zueigen machen. "Tag für Tag, sind wir versucht, zu modernisieren", sagt Métayer.

Viviane Gauthier- Die Grande Dame des haitianischen TanzesEin Teil des Problems ist er der Überzeugung ist, dass Folklore-Tanz weder Form noch Artistik aufweist, insbesondere im Vergleich zu besser bekannten Tänzen wie Ballett. Gauthier verbrachte ihr Leben damit gegen diese falsche Vorstellung zu kämpfen, auch in ihrem Heimatland. "Meine Landsleute, die Haitianer dachten, dass es unseren Tänzen an Disziplin fehle", erinnert sich Gauthier. So reiste sie während ihrer Karriere von Stadt zu Stadt, von Department zu Department um die Chronik der einzigartigen Tänze eines jeden Departments aufzuzeichnen.

Das andere Problem ist fortwährend das selbe für die Künstler: ein Mangel an Mitteln. In der Vergangenheit erinnert sich Métayer nahm er mit Gauthier an einer wöchentlichen Tanzshow an Bord der ankommenden Kreuzfahrtschiffe teil und mit jedem Schiff kam das dringend benötigte touristische Geld. Aber das öffentliche Bild Haitis hat sich seit damals drastisch geändert. Im Laufe des Lebens von Viviane Gauthier wandelte sich Haiti vom Urlaubsdomizil ausländischer Koryphäen wie Truman Capote, Graham Greene und Mick Jagger in seinen Resorts, zum Aufenthaltsort von Scharen von Helfern und NGOs.

Das Erdbeben 2010 verwandelte viele der Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt in Schutt und Asche, einschließlich des Nationalpalastes und das Land leidet unter der vorherrschenden Armut. Diese Wahrnehmung wird reflektiert in den Tourismuseinnahmen des Landes. Nach den Daten der Weltbank von 2012, verdiente Haiti nur $ 170 Millionen Dollar an touristischem Geld pro Jahr, das sind lediglich 3,6 Prozent dessen, was die benachbarte Dominikanischen Republik vom Tourismus einstreicht.

"Man kennt die Situation des Landes. Ausländer kommen fast nie hierher. Es existieren kaum noch Shows ", sagt Métayer. "Die Künstler arbeiten, aber wofür? Für nichts. Fast nichts. Und das bedeutet eine ständige Entmutigung für Professoren und Tänzer."

Als die Tänzer das Training beenden winken sie und sagen zu Métayer: "Wir sehen uns nächste Woche." Aber Métayer weiß, dass es für einige es eine Lüge ist. Sie kommen nicht zurück. Und er versteht auch warum. Sie müssen dort hin gehen, wo das Geld ist. "Tanz könnte erfolgreich sein, aber uns fehlt die Förderung", erklärt er. Er wünscht sich, dass Haitis Kulturministerium mehr Unterstützung bietet. "Ich, ich werde für immer bei der Folklore, die ich liebe und die Viviane Gauthier mir gab, bleiben, auch wenn ich arm sterbe."

Die Sonne ist unerbittlich und das Training dauert Stunden. Aber auch als der Schweiß von seiner Stirn tropft, beschreibt Métayer energisch die Tänze, die seine Leidenschaft nähren.

"Yanvalou war der weltweit erste Tanz", sagt er. "Du tanzt alles auf der Welt. Er repräsentiert die Wellen des Meeres, die Blätter, die Bäume, alles was sich bewegt. Wir finden die Bewegung der Folklore in allem."

Aber es ist ein Erbe, das Gefahr läuft, mit Gauthier's Erinnerungen zu verschwinden. Bei dem Gedanken an ihre fortschreitende Alzheimererkrankung stocken Métayer die Worte. Tränen rinnen über sein Gesicht und mischen sich mit den Schweißperlen.

"Ich vermisse Viviane sehr", sagt er. "Wenn ich  mit ihr spreche bemerke ich immer öfter, dass sie über Dinge spricht, die keine Relevanz in unserem Gespräch habenund ich beginne die Hoffnung zu verlieren."

Zurück in dem Lebkuchenhaus wippt Gauthier, wie immer bei der Erwähnung von Tanz, ganz leicht mit ihren Schultern, als ob sie dem Ruf einer unsichtbare Trommel folgen würde. Der Haitianische Folklore-Tanz war ihre Flucht, eine Disziplin, die ihr dabei geholfen hat, sich durch eine turbulente Welt zu steuern. "Beim Tanz vergisst man alles was schlecht ist, alles was man nicht mag, weil man keine Zeit haben, um über das, was man nicht mag nachzudenken. Man bewegt sich und ist immer beschäftigt", sagt sie.

Mit ihren Gästen zur Abfahrt bereit, knöpft Gauthier lässig ihren Wickelrock auf und enthüllt ein Paar Shorts darunter. Ihre Sorge gilt jetzt dem Mangobaum über ihrem Kopf und der Sorge um ihren wertvollen Garten.

Die Zukunft des haitianischen Tanzes liegt jetzt in anderen Händen - aber Leben einem ungewissen Beruf zu widmen, ja - das ist ein Wagnis von Glaube und Vertrauen.

Haitis Grande Dame des Tanzes

Interview mit Viviane Gauthier I

Interview mit Viviane Gauthier II

Interview mit Viviane Gauthier III

Interview mit Viviane Gauthier IV

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